Krankenhausreform in Deutschland – Konsolidierung und wirtschaftliche Blindspots

Düsseldorf/Hamburg, 02. März 2026

Das gemeinsame Webinar von HC&S, LOHMANNkonzept und Contract Cost Care am 2. März traf auf hohe Resonanz. Unter der Moderation von Jeton Gashi (Contract Cost Care) diskutierten Prof. Heinz Lohmann (LOHMANNkonzept), Prof. Lars Timm, Dr. Nicolas Krämer (HC&S) und Stefan Hein (Contract Cost Care) über aktuelle Entwicklungen im deutschen Krankenhauswesen.

Vorstand der HC&S, links nach rechts: Dr. Prof. Dr. Lars Timm, Dr. Nicolas Krämer, Dr. Marc Heimes

Foto: HC&S-CEO Dr. Nicolas Krämer beim Webinar, März 2026

„Politik ist Rahmenbedingung – kein Treiber“
In seinem Impulsvortrag „Treiber des Strukturwandels und aktuelle Gesundheitspolitik – ein Widerspruch?“ stellte Professor Heinz Lohmann eine klare These auf: Auf die Politik zu warten, sei keine Strategie. Die Politik definiere Rahmenbedingungen, sei aber kein wirklicher Motor für die notwendigen Veränderungen.

Das Gesundheitswesen sei seit Jahrzehnten eine „Jammerbranche“. Doch die aktuelle Lage sei dramatischer als je zuvor. Besonders in ländlichen Regionen gerate die Versorgung zunehmend unter Druck. Krankenhäuser befänden sich wirtschaftlich in Schieflage, Krankenkassenbeiträge stiegen, Bürokratie und Regulierung nähmen weiter zu. Gleichzeitig versuche die Politik, mit Krediten und zusätzlichen Mitteln überkommene Strukturen zu stabilisieren – mit dem paradoxen Effekt, dass moderne Medizin ausgebremst werde.

Lohmann formulierte zugespitzt: Die Medizin könne immer mehr, doch sie passe immer weniger in den bestehenden Organisationsrahmen. Das Krankenhaus gleiche zunehmend einem „Improvisationstheater“ . Sein Appell: So wie vor etwa 50 Jahren die Psychiatrie grundlegend reformiert wurde, brauche es heute in der Somatik ein ausdifferenziertes, integriertes Versorgungsangebot. Ambulante und stationäre Leistungen müssten organisatorisch und finanziell zusammengeführt werden. Wer diese Entwicklung antizipiere und sich mutig an die Spitze stelle, gestalte die Zukunft, statt auf politische Detailsteuerung zu warten.

Transformation unter wirtschaftlichem Druck
Professor Lars Timm berichtete aus seiner praktischen Erfahrung in der Sanierung des Krankenhauses in Geesthacht. Zum Zeitpunkt seines Amtsantritts als Geschäftsführer wurde ein negativer Deckungsbeitrag von bis zu 600.000 Euro monatlich festgestellt. Die Folge: das zweite Insolvenzverfahren innerhalb von vier Monaten. Der Weg aus der Krise führe nur über eine konsequente Neuausrichtung des Leistungsportfolios. Zu häufig dominiere im System eine „Pinselsanierung“ statt eines echten Neuanfangs. Es fehle an Mut zur Radikalität und an der Bereitschaft, sich von überholten Strukturen zu lösen.

In dieselbe Richtung argumentierte sein HC&S-Vorstandskollege Dr. Nicolas Krämer. Er verwies auf die langfristige Prägung vieler Entscheider durch das sozialromantische Bild der Schwarzwaldklinik, also eines flächendeckenden Vollversorgers. Die Vorstellung, jede Kommune mit 10.000 Einwohnern benötige ein Krankenhaus mit Notaufnahme, Chirurgie, Innerer Medizin und weiteren Fächern der „Gelegenheitsmedizin“, sei tief verankert, aber nicht mehr realistisch oder sinnvoll. Das Kernziel der Krankenhausreform, durch Spezialisierung Spitzenmedizin zu ermöglichen, sei richtig. Entscheidend sei jedoch das Narrativ. Reformen müssten als Chance für bessere Qualität und nachhaltige Versorgung kommuniziert werden, nicht als reines „Krankenhaussterben“ im Ductus von Professor Karl Lauterbach.

Als positive Beispiele nannten die Referenten die Entwicklungen in Zerbst und Holzminden, wo kommunale Lösungen in Form eines Regionalen Gesundheitszentrums bzw. eines Level-1n-Konzepts entstanden sind. Solche Modelle könnten Blaupausen für andere Regionen sein, die die Logik der Reform konstruktiv umsetzen.

Wirtschaftliche Risiken im Blick behalten
Für viele Kliniken werde die Krankenhausreform inzwischen – so die Diskussion – zur pauschalen Erklärung für unbefriedigende wirtschaftliche Ergebnisse. Tatsächlich greife diese Argumentation zu kurz. Neben medizinstrategischen Weichenstellungen rücken vor allem operative Steuerungsthemen in den Vordergrund, die in der aktuellen Debatte häufig unterbelichtet bleiben. Stefan Hein von Contract Cost Care lenkte den Blick in dem Kontext auf die ökonomischen Nebenwirkungen der Reform: Fixkosten ohne strukturellen Nutzen, potenziell verlorene Vorhaltepauschalen sowie Strafzahlungen im Zusammenhang mit Personalvorgaben könnten für viele Häuser existenzbedrohend werden. Transformation sei daher nicht nur eine strategische, sondern vor allem eine betriebswirtschaftliche Aufgabe.

Blick nach Dänemark
Im Schlussplädoyer empfahl Timm einen Perspektivwechsel: Ein Blick nach Dänemark zeige, wie eine konsequent umgesetzte Krankenhausreform die Versorgungsqualität, Lebensqualität und Lebenserwartung signifikant verbessern könne.

Der Tenor des Webinars war eindeutig: Der Strukturwandel ist unausweichlich. Wer ihn aktiv gestaltet, sich klar positioniert und wirtschaftliche Risiken im Blick behält, kann die Transformation als Chance nutzen. Wer wartet, läuft Gefahr, von ihr überrollt zu werden.

Vorstand der HC&S, links nach rechts: Dr. Prof. Dr. Lars Timm, Dr. Nicolas Krämer, Dr. Marc Heimes

Foto: HC&S-CEO Dr. Nicolas Krämer beim Webinar, März 2026